Vinyl Rezensionen

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Roky Erickson and the Aliens
The evil one 2LP (D-side etched)
Light In The Attic Records


Angesichts der Tatsache, dass die US-Originalplatte von '81 auf Börsen gerne mal für 70 Euro den Besitzer wechselt, darf man sich über diesen Rerelease des Okkult-Vorreiters Roky Erickson besonders freuen. Erschwert wird der Originalkauf übrigens noch durch die Tatsache, dass zwei verschiedene LP-Versionen existieren, nämlich die genannte US-Pressung auf 415 Records, die 10 Songs bietet und eine UK-Version auf CBS, die 1980 als "Five symbols" erschien und zwar ebenfalls zehn Tracks, aber fünf Abweichungen enthält. Die Überschneidungen dabei sind lediglich "Don't shake me lucifer" I Think of demons" "Cold night for alligators" "Creature with the atom brain" und "Stand for the fire demon". Also wurden fünf Tracks ausgetauscht. Für die Staaten flogen "White faces", "Two headed dog", "Mine mine mind", "Night of the vampire" und "I walked with a zombie" raus. Diese wurden durch "If you have ghosts", "Sputnik", "Click your fingers applauding the play", "Bloody hammer" und "The wind and more" ersetzt. Die aktuelle Tracklist vereint sinnvollerweise beide Releases, wie man es von der "The Evil One (plus one)" CD auf Sympathy For The Record Industry her kennt und umfasst also alle 15 Songs. Produziert wurden die Tracks damals von Stu Cook aus dem CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL-Umfeld. Um die Verwirrung komplett zu machen, veröffentlichte man zusätzlich auch noch eine dritte Version des Albums als limitierten red / clear Rerelease der UK-Version unter dem Titel "I think of demons" und packte "Bloody hammer" dazu, ohne es in die Tracklist auf der Hülle aufzunehmen. A Light in the Attic behebt das vorherrschende Chaos konsequent, hat der Gatefold Version ein großes Booklet mit Linernotes spendiert und die D-Seite zusätzlich mit Hundeköpfen geetched. Wer gerne unterwegs Musik hört, kann sich mit dem beiliegenden Code alle Songs downloaden. Klanglich sind die LPs erstklassig und durch die Verteilung auf drei Seiten dürfte man auch in etwa die Klangqualität der Originale mit je fünf Songs pro Seite beibehalten haben. Klangverlust tritt ja erst ab einer Spielzeit von über 25 Minuten ein, dies wurde durch die Verteilung eben umgangen. Einfach essentiell und das Highlight des Roky Erickson Backkataloges schlechthin. Eine einmalige Gelegenheit den Mann kennenzulernen, ohne den das Okkultrock-Revival wohl nie hätte stattfinden können. ThEb

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OBELYSKKH
Hymn To Pan 2LP
Exile On Mainsream


Schon um den Vorgänger "White Lightnin'" letztes Jahr gab es einigen Rummel, aber auch die immer wieder genannte Forderung nach stärker Kompaktheit. Andererseits muss man natürlich sagen, dass es schon ein Achtungserfolg war, dass die Band Space Rock, Doom und Stoner-Parts überhaupt stimmig fusionieren konnte. Für Epik-Fans bleibt "White Lightnin'" somit auch weiterhin ein Pflichtkauf. Mit dem dritten Album in drei Jahren ("Mount Nysa" erschein 2011) vollziehen die Franken nun tatsächlich den sich angedeuteten Schritt hin zu prägnanteren Hooks und etwas mehr Nachvollziehbarkeit. Stimmlich und instrumental bleibt es aber originell, hat weiterhin starken Wiedererkennungswert und ist keinesfalls zu komprimiert. So startet "Hymn to pan" mit rudimentären Dröhn-Riffs und wächst durch akustische Layers, Southern Slides und ritisch/sakrale Gesänge letztlich tatsächlich zu einer Art Hymne heran, zu einer Doom-Hymne. Als es dann fast zu bunt wird, krönt man die schöne Epik mit dem entrückten Dröhn-Riff vom Anfang. Oha. "The ravens" ist weniger schöngeistig, noch doomlastiger und überrascht mit einem leicht dissonanten Leadgitarren-Riff. Das Schöne an OBELYSKKH ist definitiv, dass Vergleiche schwerfallen, sie machen ihr ganz eigenes Ding. Sogar ganz leichte Paganeinflüsse sind zu verorten. Sobald man das von Crust/EHG-beeinflusste "The man within" ausgekostet hat, kommt das psychedelisch-angehauchte "Heavens architrave" mit schönstem Gesang daher, gipfelt aber nach acht Minuten im absoluten Alarmmodus und erweitert die bemerkenswerte Bandbreite des Quartetts um einen deutlichen Wüstenrockeinschlag. "Horse" ist eine Riff-Ode an ELECTRIC WIZARD mit reichlich Wut und Galle und knackt beinahe die Neun-Minuten-Grenze, also ist eher das Songwriting kompakter geworden, die Songlänge hat nicht drunter gelitten. Bei "Revelation: the will to nothingness" gehen die Vocals dann erneut ins Gutturale aber in Kombination mit den Samples, der Pointiertheit der Shouts und Mississippi-Delta-Blues (!) wirkt es komplett anders, ist aber wieder grandios gut. Wenn gegen Ende des Songs dann Loops auf Feedback treffen, meint man beinahe einem akustischen Exorzismus beiwohnen zu dürfen. Etliche Songs haben zum Glück weiterhin Überlänge, aber stilistisch ist's eben konsequenter. Das dreiseitig bespielte Doppelvinyl im Gatefold ist auf 500 Exemplare limitiert, kommt plus Downloadcode und live soll die Band eine brutale Horde sein, die bisweilen auch mal das Equipment zerlegt. Da bin ich echt gespannt drauf. ThEb (9)

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INTEGRITY
Suicide Black Snake LP
A 389 Records


Muss man INTEGRITY noch groß vorstellen? Die nihilistische Hardcore-Band aus Cleveland hat Alben bei Victory und Deathwish veröffentlicht und einige der Mitglieder gründeten dann 2009 ANCIENT VVISDOM. Der Titeltrack und "I know where everybody lives" setzen einmal mehr auf hymnisches Leadguitar-Metalriffing und Dwids heiseres Shouting ist unmittelbarer als auf allen bisherigen Releases, weil mehr in den Vordergrund gemischt. Mühselig, den aktuellen Release jetzt mit einem Album wie "Systems Overload" zu vergleichen, fest steht allerdings, dass die beiden aktuellen Gitarristen spielerisch perfekt zueinander passen und dass meine moderate Erwartungshaltung, die natürlich was mit der langen Existenz der Band zu tun hat und die Skepsis, was neben Substanzerhaltung noch an Innovation drin ist, phänomenal ad absurdum geführt wurden. Zudem ist das Album extrem abwechslungsreich. "There is a sign" beispielsweise ist eine Walze im Stile von "Abraxas annihilation", die puristische Hardcore-Fans zufriedenstellen dürfte, wobei selbst hier ein kurzes Solo reinmusste, aber das kennt man ja von INTEGRITY. Die Grundtendenz geht generell hin zum kurzen Song, so hat man neben "There ain't no living in life" nur zwei, drei weitere Tracks, die die Fünf-Minuten-Grenze knacken. Besagter Song könnte dann aber wirklich beinahe von ANCIENT VVISDOM sein, denn DEATH IN JUNE haben den semiakustischen Track schon deutlich geprägt. Grandios wird es dann, wenn Dwid seine Mundharmonika zückt, was auch live der Fall war. Wer hätte das gedacht? Gelungene Frischzellenkur, selbst wenn "Into the night" jetzt nicht unbedingt das allgemeine Niveau halten kann, Highlights gibt es diesmal mehr als genug und der Rausschmeißer "Lucifer before the day doth go" ist nochmal ein brachial-melodischer Geniestreich. Die LPs in gold, lila und rot sind übrigens auf 100 Exemplare limitiert und wie schon bei der "Those who fear tomorrow" LP ist das Gatefold teils matt, teils hochglanz bedruckt, so dass auf dem Cover zwar INTEGRITY draufsteht, man es aber nicht sofort ausmachen kann. Exzellent. ThEb

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SLUGS AND SNAILS
S/t 10"
Kids In Misery


Vier neue Songs von SLUGS AND SNAILS, die ehemals als JOCTOBI formierten, sich aber seit ihrem Demo 2010 ziemlich im Hintergrund gehalten haben. Dafür bietet die aktuelle Teninch vier grandiose Songs, für die sich auch mal etwas Wartezeit in Kauf nehmen lässt. Der Grund für die Verzögerung ist wohl, dass alle Bandmitglieder in verschiedenen Städten Norddeutschlands wohnen. Aber nun zur Musik: Der Opener "Sheep" ist rein instrumental, "Starships" tendiert dann stark zum Emocore der Jahrtausendwende und erinnert an NORTH OF AMERICA, wobei die Gitarrenarbeit in ihrer Flächigkeit auch einige Ähnlichkeit zu GARRISON aufweist. Der Gesang ist teils verhalten, teils deutlich Screamo, aber stets mit Bedacht gesetzt und eher minmalistisch. Der emotionale Anspruch der Riffs steht deutlich im Vordergrund. Der erste Song auf der flip side heißt "Mindfuck" und wird von einem schräg/harmonischen Lead dominiert, welches sich ständig steigert. Die Vocals pendeln zwischen Gebrüll, fast gesprochenen Passagen und kippen auch mal gerne, was die Sache aber authentisch klingen lässt. "Grasping" setzt auf atmosphärische Soundscapes und BRAIDschen Drum-Zauber. Die Gitarren werden zusehends verspielter, aber sind stets leicht angezerrt, so dass alle vier Songs trotz ihrer Komplexität rocken. Ehrlich gesagt ist es auch mal wieder ganz schön einen Release mit reduziertem Gesang zu hören, denn man verliert sich eher, wenn die Vocals eine weniger dominante Stellung einnehmen. Eine schöne Veröffentlichung, die reichlich Nostalgie versprüht. Ein Download-Code liegt dem auf 200 Stück limitierten Output ebenfalls bei. ThEb