UNRECORDS


Wer genau steckt hinter Unrecords, welche Pläne und Ziele gibt es und was war die Initialzündung für's Label?

Hinter unrecords stecken vier Musikerinnen aus Wien: Johanna Forster, Aurora Hackl, Birgit Michlmayr und Petra Schrenzer. Wir sind alle mit unseren eigenen Bands involviert, verorten uns in einem queer-feministischen Kontext und wollen mit unrecords auch gerade Angehörige dieser Szene auf musikalischem Boden fördern und sichtbar machen. Dabei setzen wir unseren Schwerpunkt auf Noise-, Rock-, Punk- und experimentelle Musik, wobei die politische Idee bzw Verortung der Künstler*_innen definitiv vorgeht. Das heißt ja, wir sind ein politisches Label :) (Besser) kennengelernt haben wir uns beim Girls Rock Camp 2011, wo wir alle als Coaches mitgearbeitet haben und uns im Zuge des Austausches auffiel, dass es großen Bedarf nach einem solchen Label gibt.

Versteht eigentlich noch jemand angesichts des fortschreitenden geistigen Verfalls was "queer" zu bedeuten hat, oder muss man zuerst noch einiges an Aufklärungsarbeit leisten? Wie wichtig ist euch der Begriff?

Birgit: Bisher hat uns das noch nie jemand gefragt, was eine Antwort auf Deine Frage sein könnte. Es kommt auch darauf an, was mensch selbst darunter versteht ...

unrecords: Wir verwenden den Ausdruck "queer-feministisch" um uns gegenüber einer (hetero-) männerdominierten Bühnenwelt abzugrenzen, was uns aber auch mit uns selbst in Widerspruch geraten lässt: Die herrschende binäre Geschlechterordnung abzulehnen, bedeutet, dass wir von einer "Männer"domäne gar nicht reden dürften. Besser: Wir sind gegen das Zelebrieren von (hetero-)normativen Männlichkeiten UND Weiblichkeiten auf der Bühne und überall, lehnen den Begriff "Frauenlabel", der in Bezug auf unrecords durchaus schon gefallen ist, ab, nicht nur weil das in der Praxis viel häufigere Phänomen des "Männerlabels" nicht als solches bezeichnet wird, sondern auch, weil neben diesen beiden Kategorien nichts anderes mehr zu existieren scheint. Das ist falsch.

Aurora: Aufklärungsarbeit ist nicht unsere Aufgabe, aber das Sichtbarmachen und Insistieren wird vielleicht irgendwann seine Früchte tragen und zu einer Änderung im gesellschaftlichen Denken führen. Das wäre schön.

Johanna: Gerade im Noise-Rock-Genre sind zu wenig Musikerinnen sichtbar - das wollen wir ändern. Selbst wenn es ein wohlwollendes Umfeld ist, macht es etwas mit dir als Künstler*in* und auch mit dem Publikum, wenn unter zehn Musik machenden Menschen an einem Konzertabend nur eine Frau* ist. Die Wahrnehmung ist dann automatisch eine andere.

Aurora: …und die Aufmerksamkeit, die einer zuteil wird, ist auch eine andere.

unrecords: Nachdem wir alle als Musikschaffende schon länger tätig sind, können wir feststellen immer wieder ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben. Die Zuordnung zu einem(!) Geschlecht macht einen Unterschied. Und in weiterer Folge oder eigentlich sogar in erster Konsequenz ist das Selbst-Bewusstsein ein anderes. Kurz: Ein strukturelles Problem.

Petra: Mit "queer" meine ich auch ein Konzept, das alle Möglichkeiten von unterschiedlichsten Lebensformen abseits von einem binären Gender-System sichtbar machen soll. "Queer" ist ja auch grad bisschen in Mode und Vieles wird gerade als queer bezeichnet und dahinter steckt dann z. B. einfach nur eine hippe Party, wo sich dann doch alle möglichen Sexismen, Rassimen und Homo-Transphobien verstecken. Es geht auch um das Aufbrechen von "Frau" und "Mann" Kategorien. Was aber in der gegenwärtigen Lebensrealität für mein Verständnis noch nicht funktioniert ohne Kategorie die Frau* ganz aufzugeben, weil es dadurch zu einem Verschleiern kommen könnte, was auf, hinter und vor der Bühne passiert, wenn man als Musiker*in dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wird. Deshalb ist es uns auch ein Anliegen "feministisch" mit reinzunehmen, weil wir hier eine enorme Schwachstelle sehen in der Repräsentation und Förderung von Frauen* in der Musikwelt.


Seht ihr euch in einer günstigen Nischenposition in der man vielleicht auch Kultstatus bekommen kann und welche Labels haben sowas wie Vorbildfunktion?

Kommerziell betrachtet sehen wir uns eher in einer ungünstigen Position :), aber dazu stehen wir auch - wir achten nicht darauf, wie gut sich etwas verkaufen kann. Das würde auch unserem politischen Anspruch entgegenstehen, weil wir uns ja abseits des Mainstreams bewegen und diesen auch nicht unterstützen wollen. Ein queer-feministisches Noise- und Rocklabel gibt es sonst eher nicht, das stimmt. Zu erwähnen ist das Wiener Label comfortzone, das auch einen queer-feministischen Ansatz hat, aber auf elektronische Musik spezialisiert ist. Das Linzer Label Zach Records arbeitet kollektiv - das finden wir gut, und von Interstellar Records schauen wir uns auch gerne was ab. Das sind alles kleine, in Österreich ansässige Labels. Überhaupt haben wir uns vor Labelstart mit einigen Labels zusammengesetzt um zu erfahren wie sie die Labelarbeit angehen. Kooperationen finden wir sehr sinnvoll und arbeiten jetzt z. B. mit Siluh und Interstellar Records auf vertrieblicher Ebene zusammen. Außerhalb von Österreich - vor allem im englischsprachigen Raum - gibt und gab es auch ein paar Labels mit queer-feministischen Anspruch. Kill Rock Stars ist uns natürlich ebenso Vorbild.



Inwieweit findet durch Mainstream-Acts wie THE GOSSIP, die auch gerne mal alle "dykes" von der Bühne aus grüßen, etwas wie eine Diskussion zum Thema Feminismus bzw. Homosexualität statt?

Es findet eine Diskussion statt, die von einer breiteren Masse geführt wird, und wenn nicht diskutiert wird, dann schleicht es sich doch in die Köpfe der Leute, was Ikonen auf der Bühne von sich geben. Es ist aber eine Ausnahmeerscheinung, dass queer-feministische Bands in den Mainstream gelangen - umso wichtiger finden wir, dass die politische Herkunft dann nicht aufgegeben wird, was am Beispiel von The Gossip positiv ist, weil es eben etwas bewirken kann.

Könnte man sagen, dass FIRST FATAL KISS sowas wie das Aushängeschild des Labels sind, denn die Band ist ja schon lange aktiv. Was gab es bisher an Releases aus dem FFK camp?

Birgit ist ja bei First Fatal Kiss, deswegen würden wir eigentlich nicht von Aushängeschild reden. Höchstens in Bezug aufs Bandalter - FFK bestehen nun schon zehn Jahre und sind dementsprechend berüchtigt :) Aushängeschild sind eher noch Les Reines Prochaines, die Anfang Februar im Rahmen des 25-jährigen Bandjubiläums ihre neue CD auf unrecords rausgebracht haben. Die Band First Fatal Kiss hat einmal bei zach records releast, ansonsten nur Eigenproduktionen veröffentlicht.

FIRST FATAL KISS waren ja zuvor bei Zach und nun arbeitet unrecords mit Zach zusammen. Wie kam es zur Kooperation und wie stellt man sicher, dass bei vier Macherinnen nix doppelt oder etwas gar nicht gemacht wird?

MuttTricx veröffentlichen auf unrecords und zach records, weil die eigentlich musikalisch in einen Bereich fallen, an dem sich die beiden Labels überschneiden. Zu unserer Arbeitsweise: Regelmäßige Treffen sind eigentlich das Wichtigste. Da tauschen wir uns aus, verteilen Aufgaben, feedbacken etc. Im Grunde machen alle alles, es gibt aber auch Aufgaben, die dann einzelne bewerkstelligen, so hat Birgit den gesamten Web- und Johanna den Grafik-Bereich über. Ein Label birgt viel Arbeit und wir sind froh, dass wir zu viert sind.

Von PETRA UND DER WOLF gibt es ein Video zu "Zupf", wo die Band im Badezimmer spielt, inklusive Cello in der Dusche. Das ist angesichts der momentanen Gigantomanie vieler Bands wirklich charmant und eigenwillig. Inwieweit dürfen oder sollen solche Aktionen bewusst polarisieren?

Aurora: Bewusst polarisiert haben wir nicht, vielmehr überlegen wir uns ständig, wie wir mit einfachen Mitteln bzw. Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, als Band schöne Dinge machen können. Ich würde fast sagen, dass das alle unrecords-Bands gemein haben, DIY eben. Deine Frage ist aber spannend: Ich denke, sie dürfen - einen Gegenpol zu bilden ist ja manchmal nichts anderes als ein Statement. Und es ist ein Kontrabass und kein Cello ;-) (epic fail...the editor)

Petra: Abgesehen von der wirtschaftlichen Einschränkung würde ich schon sagen, dass es ein Gegenentwurf sein soll zu den immer gleichen hochpolierten, feschen, jungen, sexualisierten etc. (Buben-)Band Videos, die sonst ständig produziert werden.

Spielt Performance-Kunst bei euren Bands auch eine Rolle? Mal sind zusätzliche Sängerinnen auf der Bühne, die Schilder hochhalten, dann trägt jemand in der Band eine Lederjacke mit Lichterkette. Ist das eine Sache die irgendwo im Umfeld ihren Auslöser hat?

Aurora: petra und der wolf machen eigentlich keine Party-Mucke, aber bei dem Anlass damals ("Gendercrash") dachten wir "performativer performen" zu müssen - ein Rahmen, in dem gängige heteronorme Kategorien zersetzt werden, verlangt von einer ironiefreien Band wie petra und der wolf es sind, Selbst-Zersetzung.

Petra: Egal wo und wie man* sich in der Welt bewegt, ist es ja immer eine Performance und als Band auf einer Bühne zu stehen nochmal expliziter. Deshalb überlegen wir uns auch, wie wir uns z. B. auf der Bühne positionieren (drums in der Mitte, "Frontfrau" auf der Seite, Bass zentral etc) wir machen das eher subtil aber es ist eh immer noch ein Aufregung genug eine women only-Band zu sein. Aurora ist ja auch Drummerin bei Norah Noizzze & Band, die wie ich finde vor allem im Performance-Bereich besonders spannend sind, weil hier auch mal ganz abseits vom gängigen Bild keine jungen, schönheitsidealgenormten Frauen* auf der Bühne stehen. Außerdem machen sie good old DIY-Punk Musik, das find ich alles super.

unrecords: Les Reines Prochaines sind auch eine Performance-Band. Wir bewegen uns also durchaus auch in diesem Umfeld.

CRASS und BAD RELIGION waren verglichen mit aktuellen Combos immens politisch. In Germoney läuft gerade authentischer Metal recht gut, etwas simpler gestrickte Musik eben, nicht gerade vor Intellektualität strotzend. In Verbindung mit vielen heidnischen, herrisch maskulinen und okkulten Ideen auch recht bedenklich. Welche Dinge stehen gerade in Wien im Mittelpunkt? Gibt es Störmungen, die Fahrt aufnehmen und wie bewertet ihr, was gerade so passiert?

Es gibt viele Szenen in Wien, wo sich viel tut. Es kommt drauf an in welchen Szenen du dich bewegst. In der queer-feministischen Szene tut sich immer viel, es gibt viele Bands auch immer wieder neue Bands, seit zwei Jahren nun auch schon das Girls Rock Camp, das rampenfiber-Festival (4-tägiges queer-feministisches Musikfestival mit internationalen Bands), aber auch im Performance Bereich (z. B. Club Burlesque Brutal), der ja auch eine Schnittstelle mit der Musik ist, passiert einiges und die Auflegerei nicht zu vergessen (z. B. quote). Im Indie/Postpunk-Umfeld gibt es relativ viele junge Labels in Wien, die manchmal auch Musikerinnen veröffentlichen.

EX BEST FRIENDS gehen ja eher in Richtung ERASE ERRATA, MuttTricx sind eine atmosphärische Band… achtet ihr da absichtlich auf Bandbreite?

Die Bandbreite resultiert aus dem queer-feministischen Kontext und auch aus unserem Kollektiv.

Stehen denn auch Releases aus Skandinavien oder so an oder zieht ihr genau dort die Grenze? Was vermeidet ihr denn an Entwicklungen in der Industrie bewusst?

Skandinavische Bands könnten wir uns in Form von Kooperationen vorstellen, anders würde es aus logistischen Gründen eher schwierig. Wir haben beim unlimited Festival Selvhenter kennengelernt, eine experimentelle Rockband aus Dänemark - die haben auch ihr eigenes Label (Eget Vaerelse - übersetzt: "a room of one's own" (Virginia Woolf) und mit denen würden wir gerne etwas gemeinsam machen. Eine Tour zum Beispiel. Eine Split mit Mutt/Mayr/Hackl wäre auch schön. Wir haben viele Ideen :-) Außerdem veröffentlichen wir im Herbst eine Split von SteMcCabe aus Edinburgh und Mayr aus Wien.

Petra: Wenn kein Geld da ist, lässt sich das ganz locker vermeiden irgendwie im big business zu sein. Aber nicht mit dem Mainstream zu gehen ist ja sowieso unser (politischer) Ausgangspunkt. Wir versuchen auch soweit das geht im organisatorischen Bereich alternative Möglichkeiten zu finden, was z. B. den Vertrieb angeht, wo wir versuchen möglichst viel selbst zu machen. Bei den Produktionsbedingungen sind wir finanziell eingeschränkt und müssen das Billigste nehmen, was auch bedeutet, dass viel unbezahlte Arbeit hinter all den Releases steckt. Außerdem ist es auch leicht nicht einer gängigen Industrie zu folgen, weil wir keinen klassischen Pop herausbringen.

Zum Abschluss noch ein paar Tipps für Wien-Besucher vielleicht?

Gehe ins rhiz, wenn du nette, interessante Konzerte sehen willst, ins Marea Alta auf ein queeres Bier, fliege zum Planet10, wenn du dich politisch betätigen und bilden willst, ins mo.ë, - ein Offspace zu Ausstellungen und Konzerten. Experimentelle, improvisierte Musik montags im Celeste. Als wunderschönen Ausgleich und zur Inspiration: Ausflüge zum Friedhof der Namenlosen, zum Wienerbergsee in heißen Sommernächten (Songtipp Mayr: We are waving our tits in the wind :-), with love und ein bisschen Underground: die Kanalisation von Wien.

1000 Dank!

Thomas Eberhardt